ATNR-Reflex bei Schulkindern: Welche Symptome und Auffälligkeiten können auftreten?
Euer Kind verdreht beim Schreiben das Blatt, stützt häufig den Kopf ab oder scheint beim Abschreiben immer wieder die Zeile zu verlieren?
Vielleicht fällt euch auch auf, dass Bewegungen über die Körpermitte schwierig sind oder Schreiben ungewöhnlich viel Kraft und Konzentration kostet.
Solche Beobachtungen können viele unterschiedliche Ursachen haben. Ein möglicher Baustein, den man im Rahmen der kindlichen Entwicklung betrachten kann, ist der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex – kurz ATNR.
Doch was genau ist dieser frühkindliche Reflex? Welche ATNR-Reflex-Symptome können bei Schulkindern auffallen – und wann lohnt es sich, genauer hinzuschauen?
ATNR Reflex Symptome: Was kann bei Schulkindern auffallen?
Beim ATNR geht es nicht darum, ein Kind anhand einzelner Verhaltensweisen zu „diagnostizieren“. Viel interessanter ist zunächst die Frage:
Gibt es bestimmte Situationen, in denen euer Kind auffällig viel Kraft benötigt oder eigene Strategien entwickelt, um eine Aufgabe zu bewältigen?
Im Schulalltag können beispielsweise folgende Beobachtungen vorkommen:
✦ Schreiben
Das Blatt wird beim Schreiben auffällig stark gedreht.
Das Blatt wird beim Schreiben auffällig stark gedreht.
✦ Körperhaltung
Euer Kind stützt beim Schreiben häufig den Kopf ab.
Euer Kind stützt beim Schreiben häufig den Kopf ab.
✦ Kopf und Arm
Beim Drehen des Kopfes verändert sich gleichzeitig die Haltung des Arms oder des Körpers.
Beim Drehen des Kopfes verändert sich gleichzeitig die Haltung des Arms oder des Körpers.
✦ Körpermitte
Das Überkreuzen der Körpermitte fällt schwer.
Das Überkreuzen der Körpermitte fällt schwer.
✦ Anstrengung
Schreiben kostet auffällig viel Kraft und Konzentration.
Schreiben kostet auffällig viel Kraft und Konzentration.
✦ Orientierung
Beim Lesen oder Abschreiben geht die Orientierung leichter verloren.
Beim Lesen oder Abschreiben geht die Orientierung leichter verloren.
✦ Bewegung
Bewegungen, bei denen beide Körperseiten zusammenspielen, wirken wenig flüssig.
Bewegungen, bei denen beide Körperseiten zusammenspielen, wirken wenig flüssig.
✦ Auge und Hand
Auge und Hand arbeiten bei manchen Aufgaben nicht selbstverständlich zusammen.
Auge und Hand arbeiten bei manchen Aufgaben nicht selbstverständlich zusammen.
✦ Räumliche Orientierung
Links und rechts oder die Orientierung im Raum bereiten immer wieder Schwierigkeiten.
Links und rechts oder die Orientierung im Raum bereiten immer wieder Schwierigkeiten.
✦ Eigene Strategien
Euer Kind entwickelt eigene „Tricks“ und verändert beispielsweise Sitzposition, Blatt oder Körperhaltung.
Euer Kind entwickelt eigene „Tricks“ und verändert beispielsweise Sitzposition, Blatt oder Körperhaltung.
Wichtig:
Eine oder mehrere dieser Beobachtungen bedeuten nicht automatisch, dass bei eurem Kind ein ATNR fortbesteht. Ähnliche Auffälligkeiten können ganz unterschiedliche Ursachen haben.
Was ist der ATNR überhaupt?
ATNR steht für Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex. Er gehört zu den frühkindlichen Reflexen und entwickelt sich bereits vor der Geburt.
Vereinfacht beschrieben besteht beim jungen Baby eine automatische Verbindung zwischen der Drehung des Kopfes und der Haltung der Arme und Beine.
Dreht das Baby seinen Kopf zu einer Seite, verändert sich die Muskelspannung der Gliedmaßen auf beiden Körperseiten. Diese automatische Reaktion hat in der frühen Entwicklung eine wichtige Funktion.
Im Laufe der kindlichen Entwicklung sollte diese starke Kopplung zunehmend zurücktreten. Dadurch kann das Kind Kopf, Augen, Arme und Beine immer unabhängiger voneinander einsetzen.
Genau diese zunehmende Unabhängigkeit ist später bei vielen alltäglichen Bewegungsabläufen wichtig – unter anderem auch beim Lesen und Schreiben.
ATNR beim Schreiben: Warum lohnt sich ein genauer Blick?
Stellt euch vor, euer Kind möchte nach rechts auf die Tafel schauen und anschließend etwas in sein Heft schreiben.
Dafür müssen verschiedene Bewegungen gut zusammenspielen:
Der Kopf dreht sich.
Die Augen orientieren sich neu.
Der Arm bleibt kontrolliert.
Die Hand schreibt weiter.
Der Körper bleibt möglichst stabil.
Die Augen orientieren sich neu.
Der Arm bleibt kontrolliert.
Die Hand schreibt weiter.
Der Körper bleibt möglichst stabil.
Wenn diese Zusammenarbeit nicht selbstverständlich gelingt, kann ein Kind versuchen, die Aufgabe durch seine Körperhaltung zu erleichtern.
Dann entstehen manchmal ganz individuelle Strategien: Das Blatt wird gedreht, der Oberkörper rutscht zur Seite, der Kopf wird abgestützt oder das Kind verändert seine Position immer wieder.
Das muss nicht bedeuten, dass der ATNR die Ursache ist. Aber genau solche Beobachtungen können ein Anlass sein, einmal genauer hinzuschauen.
ATNR und das Überkreuzen der Körpermitte
Ein weiterer interessanter Bereich ist die Körpermittellinie.
Stellt euch eine gedachte Linie vor, die euren Körper von oben nach unten in eine rechte und eine linke Hälfte teilt.
Im Alltag überkreuzen wir diese Linie ständig: wenn wir etwas von der anderen Tischseite nehmen, schreiben, malen, uns anziehen oder bei bestimmten Sport- und Bewegungsspielen.
Manche Kinder vermeiden solche Bewegungen. Sie wechseln beispielsweise lieber die Hand, drehen den gesamten Körper oder positionieren Gegenstände so, dass sie auf einer Körperseite bleiben können.
Auch hier gilt:
Das allein ist kein ATNR-Test. Es ist zunächst einfach eine spannende Beobachtung darüber, wie ein Kind seinen Körper organisiert.
Das allein ist kein ATNR-Test. Es ist zunächst einfach eine spannende Beobachtung darüber, wie ein Kind seinen Körper organisiert.
ATNR Reflex Symptome beim Lesen und Abschreiben
Nicht nur das Schreiben kann auffallen. Auch beim Lesen oder beim Abschreiben von der Tafel müssen Augen, Kopf und Körper gut zusammenspielen.
Vielleicht beobachtet ihr:
- Euer Kind verliert häufiger die Zeile.
- Der Kopf bewegt sich beim Lesen deutlich mit.
- Der Wechsel zwischen Tafel und Heft fällt schwer.
- Beim Abschreiben werden Wörter oder Teile einer Zeile übersehen.
- Längeres Lesen oder Abschreiben wirkt schnell anstrengend.
Auch solche Schwierigkeiten können zahlreiche Ursachen haben und sollten nicht vorschnell einem einzelnen Reflex zugeschrieben werden.
Bewegung und Koordination: Was kann noch auffallen?
Frühkindliche Reflexe werden häufig vor allem mit Lernen und Schule in Verbindung gebracht. Dabei lohnt es sich genauso, ein Kind in Bewegung zu beobachten.
Wie selbstverständlich arbeiten rechte und linke Körperseite zusammen? Wie funktionieren Bewegungen über die Körpermitte? Wie sicher gelingt die Auge-Hand-Koordination beim Werfen, Fangen, Malen oder Ausschneiden?
Auch hier geht es nicht darum, aus einer einzelnen Auffälligkeit auf einen bestimmten Reflex zu schließen. Interessanter ist das Gesamtbild und die Frage, ob bestimmte Bewegungsabläufe ein Kind immer wieder besonders viel Kraft kosten.
Bedeuten diese Auffälligkeiten automatisch, dass der ATNR noch aktiv ist?
Nein.
Ein Kind, das sein Blatt dreht, hat nicht automatisch einen nicht integrierten ATNR. Ein Kind, das Schwierigkeiten beim Lesen hat, ebenfalls nicht.
Auch Probleme mit Konzentration, Koordination oder Schreiben lassen sich nicht allein durch einen frühkindlichen Reflex erklären.
Viele Beobachtungen können ganz unterschiedliche Gründe haben. Deshalb ist es sinnvoll, nicht vorschnell eine Ursache festzulegen, sondern zunächst aufmerksam zu beobachten, in welchen Situationen Schwierigkeiten auftreten und was dem Kind hilft.
Beobachten statt testen.
Schaut zunächst, was eurem Kind schwerfällt, wann es schwerfällt und was die Aufgabe leichter macht.
KOSTENLOSER ELTERN-GUIDE
ATNR bei Schulkindern – 10 Beobachtungen für euren Alltag
Genau dafür haben wir eine kleine Brain4kids-Orientierung für euch erstellt. Auf vier Seiten könnt ihr typische Alltagssituationen rund ums Schreiben, Lesen, Bewegen und die Hausaufgaben einmal ganz in Ruhe anschauen.
Nicht: „Was macht mein Kind falsch?“
Sondern: „Was braucht mein Kind, damit diese Aufgabe leichter wird?“
Was könnt ihr tun, wenn euch mehrere ATNR-Auffälligkeiten bekannt vorkommen?
Beobachtet zunächst einige Tage eine konkrete Situation.
Nicht gleichzeitig Schreiben, Lesen, Sport, Hausaufgaben und Konzentration. Nehmt beispielsweise zunächst nur das Schreiben.
Schaut einmal ganz wertfrei hin:
- Wie sitzt euer Kind am Anfang?
- Wie verändert sich die Haltung nach einiger Zeit?
- Wie liegt das Blatt?
- Bewegt sich der Kopf beim Schreiben mit?
- Wann wird es anstrengend?
- Und wann funktioniert es besser?
So entsteht nach und nach ein viel differenzierteres Bild als durch eine reine Liste vermeintlicher Symptome.
Wenn Schwierigkeiten deutlich ausgeprägt sind, euer Kind belasten oder Lernen und Alltag erheblich erschweren, sollte zusätzlich fachlich geklärt werden, welche Ursachen dahinterstecken.
Frühkindliche Reflexe besser verstehen
Der ATNR ist nur einer von mehreren frühkindlichen Reflexen. Auch andere Reflexmuster begleiten wichtige Phasen der frühen kindlichen Entwicklung.
Wenn ihr zunächst verstehen möchtet, was frühkindliche Reflexe überhaupt sind und welche Rolle sie in der Entwicklung spielen, findet ihr in unserem Grundlagenartikel viele weitere Informationen:
Frühkindliche Reflexe besser verstehen
Ihr möchtet noch tiefer einsteigen?
In unserem Video-Starterkurs „Frühkindliche Reflexe verstehen“ erklären wir euch die Grundlagen verständlich und Schritt für Schritt. Ihr könnt den Kurs ganz bequem online anschauen.
Zum Video-StarterkursATNR Reflex Symptome bei Schulkindern: Hinschauen, ohne vorschnell zu bewerten
Wenn euch einige der beschriebenen ATNR Reflex Symptome bekannt vorkommen, muss das noch lange nicht bedeuten, dass ihr damit die Erklärung für die Schwierigkeiten eures Kindes gefunden habt.
Aber vielleicht habt ihr einen neuen Blickwinkel entdeckt.
Denn manchmal hilft es schon, nicht nur auf das Ergebnis einer Aufgabe zu schauen, sondern darauf, wie viel Kraft ein Kind benötigt, um dieses Ergebnis zu erreichen.
Nicht: „Was stimmt mit meinem Kind nicht?“
Sondern: „Was fällt meinem Kind schwer – und was könnte ihm helfen?“
Schaut einmal ganz in Ruhe hin
Unser kostenloser 4-seitiger ATNR-Guide hilft euch dabei, typische Alltagssituationen bei eurem Kind wertfrei zu beobachten.
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