Wahrnehmung & Entwicklung

Taktile Wahrnehmung fördern: 10 einfache Ideen für Grundschulkinder

Dein Kind mag keine klebrigen Hände? Knete, Fingerfarben, Sand oder Matsch findet es unangenehm? Vielleicht stören schon kleine Berührungen durch andere Kinder – oder dein Kind scheint im Gegenteil besonders kräftige Berührungs- und Körpererfahrungen zu suchen.

Solche Beobachtungen können ganz unterschiedliche Gründe haben. Ein Bereich, der dabei interessant sein kann, ist die taktile Wahrnehmung.

In diesem Artikel erfährst du, was dahintersteckt – und bekommst 10 einfache Ideen, mit denen ihr Tasten, Körperwahrnehmung und Bewegung spielerisch in euren Alltag einbauen könnt.

Grundlagen

Was ist die taktile Wahrnehmung?

Die taktile Wahrnehmung gehört zu unseren Sinnessystemen. Dabei spielt unsere Haut eine entscheidende Rolle. Über sie erhalten wir ständig Informationen darüber, was unseren Körper berührt und wie sich etwas anfühlt.

Weich oder hart?
Wie fühlt sich die Oberfläche eines Gegenstandes an?
Glatt oder rau?
Unsere Haut nimmt unterschiedliche Strukturen wahr.
Warm oder kalt?
Auch Temperatur gehört zu den Erfahrungen über unsere Haut.
Leicht oder kräftig?
Berührungen können sehr unterschiedlich intensiv sein.

All diese Informationen werden von unserem Nervensystem verarbeitet und helfen uns dabei, unseren eigenen Körper und unsere Umwelt wahrzunehmen.

Entdecken & Begreifen

Warum ist Tasten für Kinder so wichtig?

Kinder entdecken ihre Umwelt nicht nur mit den Augen. Sie möchten Dinge anfassen, halten, drücken, drehen, ziehen, schieben, kneten und ausprobieren.

Nicht umsonst sagen wir: be-greifen und er-fassen.

Ein Kind, das einen Gegenstand in die Hand nimmt, bekommt andere Informationen als ein Kind, das ihn nur auf einem Bild sieht.

Wie schwer ist er? Welche Form hat er? Wie fühlt sich die Oberfläche an? Was passiert, wenn ich Druck darauf ausübe? Solche Erfahrungen helfen Kindern dabei, ihre Umwelt immer differenzierter kennenzulernen.

Den eigenen Körper spüren

Eine innere „Landkarte“ des eigenen Körpers

Eine schöne Vorstellung ist die einer inneren Landkarte des Körpers. Unser Gehirn erhält ständig Informationen aus verschiedenen Sinnessystemen. Dadurch entsteht nach und nach eine immer differenziertere Vorstellung davon, wo sich einzelne Körperteile befinden und wie sie sich zueinander verhalten.

Das ist im Alltag bei unzähligen Tätigkeiten hilfreich: beim Anziehen, Basteln, Schreiben, Sport, Spielen und bei vielen Bewegungsabläufen.

Wichtig zu wissen
Die taktile Wahrnehmung arbeitet dabei nicht allein. Sie steht im Zusammenspiel mit anderen Sinnessystemen – insbesondere mit der Wahrnehmung von Bewegung, Gleichgewicht, Muskelspannung und Körperstellung.

Im Alltag beobachten

Manche Kinder mögen bestimmte Berührungen überhaupt nicht

Vielleicht kennst du einige dieser Situationen:

Klebrige oder schmutzige Hände werden möglichst vermieden.
Knete, Fingerfarben, Matsch oder bestimmte Materialien sind unangenehm.
Etiketten, Nähte oder bestimmte Kleidungsstücke stören stark.
Eincremen, Haarewaschen oder Berührungen am Kopf sind unangenehm.

Solche Beobachtungen bedeuten nicht automatisch, dass mit der Wahrnehmung eines Kindes etwas „nicht stimmt“. Kinder unterscheiden sich darin, wie angenehm oder unangenehm sie bestimmte Sinneseindrücke erleben.

Fördern bedeutet nicht: „Da musst du jetzt durch.“
Wir können Angebote machen, gemeinsam ausprobieren und beobachten, was einem Kind guttut. Ein Kind sollte nicht zu Berührungen oder Materialien gezwungen werden, die es als deutlich unangenehm erlebt.

Jedes Kind ist anders

Andere Kinder suchen besonders intensive Körpererfahrungen

Es gibt auch Kinder, bei denen Eltern etwas ganz anderes beobachten. Sie suchen häufig kräftigen Körperkontakt, drücken stark, rempeln beim Spielen oder scheinen kleinere Stöße und Berührungen kaum wahrzunehmen.

Auch hier gilt: Einzelne Verhaltensweisen erlauben keine Diagnose. Entscheidend ist immer das Gesamtbild des Kindes.

Jetzt wird es praktisch

10 Ideen für taktile Wahrnehmung und Körpergefühl

Du brauchst dafür kein kompliziertes Trainingsprogramm. Viele Möglichkeiten lassen sich ganz nebenbei in euren Alltag integrieren. Und vor allem: Es soll Spaß machen.

1

Berührung bewusst erleben

Kleine Wahrnehmungsspiele lassen sich wunderbar gemeinsam ausprobieren:

Massagegeschichten auf dem Rücken, unterschiedliche Gegenstände vorsichtig über die Haut führen oder mit dem Finger einfache Zahlen, Buchstaben und Formen auf den Rücken malen und erraten lassen.

2

Klatschspiele zu zweit

Klatschspiele verbinden Berührung, Rhythmus, Bewegung und Aufmerksamkeit. Erst in die eigenen Hände klatschen, dann mit rechts, wieder klatschen, danach links. Später könnt ihr Tempo und Reihenfolge verändern.

3

Bewegungsfolgen mit dem eigenen Körper

Zum Beispiel: Hände klatschen → Oberschenkel klopfen → schnipsen → überkreuz die Schultern berühren. Später könnt ihr stampfen, schnalzen oder weitere Bewegungen hinzufügen.

4

Spiegel spielen

Stellt euch gegenüber. Du machst langsam eine Bewegung vor und dein Kind versucht, sie wie ein Spiegel nachzumachen. Danach tauscht ihr die Rollen.

5

Fühlen im Familienalltag

Viele taktile Erfahrungen entstehen ganz von selbst:

Teig kneten, Obst und Gemüse waschen, mit Knete gestalten, Fingerfarben ausprobieren, im Garten Erde fühlen, Wasser erleben oder beim Kochen unterschiedliche Lebensmittel anfassen.

6

Anspannen – lösen – nachspüren

„Mach deine Hände einmal ganz fest.“ Kurz halten und anschließend wieder locker lassen. Danach andere Körperbereiche ausprobieren. Spannend ist nicht die maximale Kraft, sondern der Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung.

7

Werfen mit unterschiedlichen Dingen

Ein Tennisball fliegt anders als ein Tuch, eine Feder oder ein Papierball. Probiert ungefährliche Gegenstände aus und werft sie in einen Korb. Das Kind passt seine Bewegung immer wieder an Gewicht, Größe und Material an.

8

Die Luftballonübung

Dein Kind macht sich zunächst ganz klein. Dann wird der imaginäre Luftballon langsam aufgepustet. Das Kind wächst und wächst, bis es ganz groß auf den Zehenspitzen steht. Anschließend entweicht mit einem langen „Pfffff“ wieder die Luft.

9

Würfeln und den Körper einsetzen

Die gewürfelte Zahl bestimmt, wie viele Körperteile den Boden berühren dürfen. Bei einer Drei könnten es beispielsweise zwei Füße und eine Hand sein. Jetzt wird ausprobiert.

10

Mathe trifft Bewegung

Nenne oder zeige eine Zahl. Ist die nächste Zahl kleiner, geht dein Kind in die Hocke. Ist sie größer, macht es sich groß und streckt die Arme nach oben. Später könnt ihr kleine Rechenaufgaben verwenden.

Entspannt bleiben

Muss ich die taktile Wahrnehmung meines Kindes „trainieren“?

Nicht jedes Kind braucht ein spezielles Wahrnehmungstraining.

Kinder sammeln im normalen Alltag bereits unzählige Sinneserfahrungen: beim Spielen, Toben, Basteln, Essen, Anziehen, Bauen, Klettern und Kuscheln.

Beobachte dein Kind.
Was macht ihm Freude?
Welche Materialien findet es spannend?
Was möchte es immer wieder machen?
Und wo signalisiert es deutlich: „Das möchte ich nicht.“

Diese Grenze sollten wir respektieren.

Das ganze Kind sehen

Wenn Berührungen den Alltag stark beeinträchtigen

Es ist ein Unterschied, ob ein Kind einfach keinen Matsch mag oder ob Berührungen und Materialien den Alltag erheblich beeinträchtigen.

Wenn dein Kind beispielsweise viele alltägliche Berührungen kaum tolerieren kann, bestimmte Kleidung dauerhaft nicht erträgt, Körperpflege regelmäßig zu großen Konflikten führt oder andere Besonderheiten der Wahrnehmung sehr ausgeprägt sind, kann eine fachliche Einschätzung sinnvoll sein.

Nicht, um möglichst schnell ein Etikett zu finden.
Sondern um herauszufinden: Was braucht dieses Kind ganz individuell?

Wahrnehmung verstehen

Kinder lernen mit ihrem ganzen Körper

Wenn wir an Lernen denken, denken wir schnell an Augen und Ohren. Ein Kind schaut zur Tafel und hört der Lehrkraft zu.

Aber Kinder lernen und entwickeln sich mit ihrem ganzen Körper.

Sie bewegen sich.
Sie berühren.
Sie ertasten.
Sie probieren aus.
Kinder müssen ihre Welt nicht nur erklärt bekommen. Sie dürfen sie erleben.

Und manchmal braucht es dafür gar kein besonderes Fördermaterial.
Ein bisschen Teig. Eine Decke. Einen Ball. Etwas Erde. Zwei Hände.
Und gemeinsame Zeit.

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Hinweis:
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische, therapeutische oder entwicklungsdiagnostische Abklärung.
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